Schreiben ist für mich ein großes Spiel, auch wenn ich manchmal dabei den Kürzeren ziehe

Natalia Prüfer im Gespräch mit Jul Łyskawa, dem Gewinner des Josepha-Literaturpreises 2025 und Autor des Romans „Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“, der in Kürze in der Übersetzung von Andreas Volk auf Deutsch erscheinen wird.

Die Handlung des Romans „Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“ spielt in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt, Copperfield, und erstreckt sich über einen Zeitraum von über hundert Jahren. Im Mittelpunkt stehen eine Tischler- und eine Holzfällerfamilie. Eines Tages taucht Jeffrey Waters, der über übernatürliche Fähigkeiten verfügt, im Städtchen auf. Schon bald wird der Ort zu einer nationalen Attraktion, aus dem ganzen Land strömen Journalisten und Touristen herbei, Legenden bilden sich.

Natalia Prüfer: Wir unterhalten uns während deines Stipendienaufenthaltes in Ahrenshoop an der Ostsee. Du bist jetzt schon seit drei Wochen hier, ganz allein. Sprichst du mit den Füchsen? Den Vögeln? Und wenn ja, auf Polnisch oder auf Deutsch?

Jul Łyskawa: Ich spreche ein wenig mit mir selbst, zum Beispiel über Gurken. Auf Deutsch. Mein Wortschatz ist noch recht beschränkt. Letztes Jahr war ich auf einem Literaturfestival in Kiel, dort haben wir die ganze Zeit Englisch geredet, und nach drei Tagen habe ich mit mir selbst auf Englisch unterhalten. Hier bin ich allein, ich bemühe mich, viel zu schreiben und bin fest in der polnischen Sprache verankert.

N. P.: Woran arbeitest du während deines Aufenthaltes in Ahrenshoop?

J. Ł.: Ich schreibe schnell und viel, es sind bereits über zwanzig gute, fertige Seiten zusammengekommen, dazu noch zahlreiche Notizen, Überlegungen und kleinere Szenen. Hätte ich mein vorheriges Buch, „Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“, in diesem Tempo geschrieben, ich hätte dafür zehn Monaten und nicht sieben Jahre gebraucht. Das Schreibtempo in Ahrenshoop ist fantastisch.

N. P.: Wie ist das, an einem Buch sieben Jahre lang zu schreiben?

J. Ł: Ganz normal. Ich habe ziemlich regelmäßig daran gearbeitet. Ich habe nun mal nicht das Tempo eines Beatniks, der Billard spielen geht, fünf Bier kippt und sich dann eine Woche lang zu Hause einschließt, um „On the Road“ runterzuschreiben, sondern ich bin eher der Typ, der immer wieder alles überarbeitet, streicht und neu schreibt. Ich habe ruhig vor mich hin gearbeitet; ich hatte noch nie solche Bedingungen wie hier in Ahrenshoop, wo meine Hauptbeschäftigung darin besteht, mich mit Essen einzudecken und zu schreiben. Kürzlich schrieb Sławomir Shuty im „Notatnik literacki“, es sei unmöglich, ein literarisch wertvolles Buch pro Jahr zu schreiben. Ich war bisher immer derselben Meinung, allerdings weiß ich jetzt, dass es möglich ist, wenn man ein Jahresstipendium wie dieses hier hätte.

N. P.: In Interviews hast du wiederholt erzählt, in einem bestimmten Moment hättest du erkannt, dass dein Manuskript fertig und gut ist, dass der Roman nach sieben Jahren Schreiben abgeschlossen ist. Was heißt das und wie sieht dieser Prozess aus? Woher wusstest du, dass das Buch fertig ist?

J. Ł.: Wie du sicher bemerkt hast, habe ich im letzten Satz keinen Punkt gesetzt. Ich habe jedoch alle Handlungsstränge zu Ende geführt, die ich abschließen wollte. Ich bin den Text mehrmals durchgegangen, habe jedes Kapitel bis zum Überdruss „durchgekaut“. Dabei habe ich dann festgestellt, dass es sich um sorgsam ausgefeilte Puzzlestücke handelte, und irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich daran nichts mehr ändern werde.

N. P.: Hast du dich in diesem Moment am Ziel deiner Wünsche gefühlt? Zufrieden? Versöhnt mit der Welt?

J. Ł.: Das ist ein ganzes Bündel von Gefühlen, die du da aufzählst. Ja, ein bisschen liebst du dein Buch, ein bisschen hasst du es, du willst, dass es bei dir bleibt, und gleichzeitig willst du dich endlich von ihm befreien. Es ist eine Mischung widersprüchlicher Gefühle. Mein Roman umfasst mehr als fünfhundert Seiten.

N. P.: Die Handlung von „Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“ spielt in den USA. Von jedem polnischen Journalisten wirst du gefragt, warum nicht in Polen, als wäre ein polnischer Autor dazu verpflichtet, sich in der polnischen Wirklichkeit zu bewegen. Ich spare mir deshalb diese Frage. Mich interessiert vielmehr dein persönliches Abenteuer mit den USA und der amerikanischen Popkultur. Was hat dazu geführt, dass deine Geschichte in der Welt der amerikanischen Kultur angesiedelt ist, die wir aus Filmen und Serien kennen?

J. Ł.: Ich wollte einen universellen Hintergrund haben. Und es lässt sich kaum einen universelleren Hintergrund als den amerikanischen und den der Popkultur finden. Ich bin von meiner Ausbildung her, aber auch aus Leidenschaft, Kulturwissenschaftler. Ich bin nicht unbedingt vernarrt in die amerikanische Kultur, doch dieses Amerika passte einfach am besten zu meinem Thema. Ich hatte erneut eine düstere Phase mit „Twin Peaks“ hinter mir. Diese Serie spielte beim Schreiben des Buches eine große Rolle. Aber es gab auch andere Inspirationen, zum Beispiel die amerikanische Literatur. Meiner Meinung nach hat jeder Autor zwei Möglichkeiten: Er kann sich komplett von allem abschotten, was ihn beeinflussen könnte, um seine eigene Sprache zu finden. Ich wiederum bin den anderen Weg gegangen, das heißt, ich verhehle meine Inspirationen nicht, ich versuche sie vielmehr weiterzuführen, auf der Suche nach meiner eigenen Sprache. Die Sprache in „Die wahre Geschichte …“ ist ein recht vielfältiges Gemisch, aber das, was sich in diesem melting pot gesammelt hat, ist in hohem Grad Jul’sche Diktion.

N. P.: Bevor wir auf die Sprache zu sprechen kommen, möchte ich dich fragen, ob sich dein Verhältnis zu den USA in den letzten Jahren verändert hat? Vor allem im Kontext dessen, was sich momentan politisch dort abspielt?

J. Ł.: Nein. Natürlich bin ich entsetzt von dem, was dort geschieht, aber ich habe den Eindruck, dass wir alle bisher Scheuklappen aufhatten, dass uns der amerikanische Traum den Blick auf die Realitäten verstellt hat. Denn allzu viel hat sich nicht geändert. Einige Dinge sind jetzt klarer erkennbar, die Politiker sind schriller in ihrem Auftreten, und dies alles hallt stärker nach. Früher wurde dies als „Kampf für den Frieden“ und als „Verteidigung amerikanischer Werte“ deklariert. Damit wurde das eigene Handeln gerechtfertigt, aber warum eigentlich sollte die Welt amerikanische Werte verteidigen? Mein Verhältnis zu den USA hat sich womöglich doch ein bisschen verändert, vor allem wenn mich nachts Nachrichten erreichen, in denen von der Auslöschung einer Zivilisation die Rede ist …[1] Dieses Buch ist jedoch kein politisches Buch. Zwar ist es fast unmöglich, auf politische Fragen keinen Bezug zu nehmen – diese Bezüge sind auch bei mir vorhanden –, aber ich betrachte das Amerika in meinem Roman eher als etwas Universelles, das ich für meine literarischen Zwecke geschaffen habe. Es finden dort jedoch weder Angriffe auf Amerika statt noch wird Amerika verteidigt, denn Politik interessiert mich nicht. Mein nächster Roman wird ebenfalls in dem amerikanischen Universum verortet sein, das ich mir für „Die wahre Geschichte …“ ausgedacht habe. Es wird jedoch keine Fortsetzung sein, ich fühle mich einfach wohl in dieser Welt. Obwohl, wer weiß, vielleicht ändert sich das Konzept noch. Ich erlaube mir beim Schreiben zu improvisieren.

N. P.: Warst du schon einmal in den Vereinigten Staaten?

J. Ł.: Viele Male. Zum Beispiel habe ich heute Morgen mit Monica, Chandler, Ross, Phoebe, Joey und Rachel Kaffee getrunken …

N. P.: Und wenn du tatsächlich in die USA fahren würdest, in welchen Bundesstaat würde die Reise gehen?

J. Ł.: Am meisten zieht es mich in die Gegend, die ich im Roman beschrieben habe – Washington, Oregon, der Pazifische Nordwesten. Ich würde mir gern die Szenerie ansehen, in der „Twin Peaks“ spielt, und einen Kaffee in einer Bar in Seattle oder New York trinken. Aber dieser Wunsch ist nicht so stark, dass ich um jeden Preis dorthin muss.

N. P.: Du hast schon zweimal David Lynchs Serie „Twin Peaks“ aus dem Jahr 1990 erwähnt. In jeder Besprechung deines Buches taucht „Twin Peaks“ auf. Ist es für dich ein Kompliment, dass die Leser „Die wahre Geschichte …“ mit der Serie vergleichen? Oder nervt dich das?

J. Ł.: Nein, es stört mich nicht, aber ich empfinde es auch nicht als Kompliment. Für Fans der Serie gibt es im Buch sogar ein paar Motive mit Wiedererkennungswert: Eulen, Kaffee, Kirschkuchen. Ich mag solche Anspielungen.

N. P.: Lass uns über die Sprache des Romans sprechen. Was ist für dich wichtiger: die Sprache oder die Handlung? Beim Lesen deines Romans drängt sich diese Frage förmlich auf.

J. Ł.: Für mich beginnt die Literatur mit der Sprache und endet mit ihr. Mit diesem Roman wollte ich jedoch den goldenen Mittelweg zwischen Handlung, Form und Sprache finden. Ich glaube, das ist mir ganz gut geglückt. „Die wahre Geschichte …“ besteht aus verschiedenen Ebenen: Die erste ist ein fesselnder Text, der zum Lesen animiert. Ich wollte ein Kunstwerk schaffen. Und mein Werkzeug ist die Sprache, deshalb ist sie außerordentlich wichtig, sie sollte jedoch die Handlung nicht vollständig überdecken, denn diese ist eine weitere Ebene des Textes.

N. P.: Was ist mit Ebenen wie „Widerstand“, „Spiel“ und „Experiment“? Du mischst literarische Formen, spielst mit ihnen …

J. Ł.: Ja, es gibt von allem ein bisschen. Es sollte ein totaler Roman werden: ein Roman über alles, unter Verwendung aller verfügbaren literarischen Mittel. Ein Experiment, bei dem sich Genres und Formen vermischen. Dramenpassagen, realistische Erzählung und dann wieder ein Stück Lyrik wechseln einander ab – für mich war es ein literarisches Experimentieren, denn Kunst verlangt nach Experimenten, aber auch ein Spiel. Überhaupt ist Schreiben für mich ein großes Spiel. Auch wenn es irritierend ist, dass ich manchmal dabei den Kürzeren ziehe. Deshalb spiele ich so lange, bis ich schließlich doch gewinne und die einzelnen Textteile sich miteinander verbinden. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage wäre, eine Erzählung dreihundert Seiten lang in ein und derselben Sprache zu schreiben. Ich wusste von vornherein, dass ich in der „Wahren Geschichte …“ viele verschiedene Sprachen verwenden werde, in einem einzigen Stil zu schreiben ermüdet mich. Also bin ich ein wenig zwischen den Stilen hin und her gesprungen.

N. P.: Dein Roman ist für mich wie eine Collage, man findet darin alles Mögliche: Radiosendung, wissenschaftliche Abhandlung, erzählerische Handlung, Drama, Lyrik. Wie hast du dich auf das Schreiben vorbereitet? Hast du Recherchen betrieben? Bist du ins Archiv gegangen, oder hast du alles schon im Kopf gehabt?

J. Ł.: Ich glaube nicht an Gelehrsamkeit, sondern an Recherche. Ich kenne mich weder mit Neurobiologie noch mit dem Fällen von Bäumen aus – und im Buch kommt beides vor. Was die Anatomie und medizinische Themen betrifft, so waren meine wichtigsten Hilfsmittel Bücher, die ich von meiner Großmutter, einer Zahnärztin, geerbt habe. Die Bücher sind zwar vierzig Jahre alt, und sicherlich nicht mehr auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, aber sie waren trotzdem nützlich. Ich habe auch versucht herauszufinden, wie es ist, ein Holzfäller zu sein, und habe Bücher zu diesem Thema gelesen. Eine schwer verdauliche Lektüre und nach dreihundert Seiten habe ich nur den Namen einer Motorsäge übernommen, aber ich denke, dass es sich dennoch gelohnt hat: ein Buch lesen, um anschließend für den eigenen Roman einen anständigen Satz zu haben – das ist ein fairer Deal.

N. P.: „Die wahre Geschichte …“ erscheint im Herbst dieses Jahres auf Deutsch. Warum sollte der deutsche Leser nach deinem Buch greifen?

J. Ł.: Ich möchte glauben, dass ich ein gutes Buch geschrieben habe, und generell sollten Leser, egal in welchem Land, nur gute Bücher lesen. Der Hintergrund des Romans ist universell, darüber haben wir bereits gesprochen, jeder Leser kann sich in der Handlung wiederfinden. Auch die Message ist universell. Der ideale Leser dieses Buches – das bin ich selbst. Alle anderen, egal woher sie kommen, können sich diesem Ideal nur annähern, ohne es je zu erreichen. Aber es wäre interessant zu sehen, wie ein Amerikaner reagieren würde … Einem Leser, der ein wenig Sinn für intellektuelle Spielereien, Humor und literarische Experimente hat, wird mein Roman sicher gefallen (lacht).

N. P.: Er ist jedoch stark in der polnischen Sprache verwurzelt. Ich bin zwar offensichtlich nicht die ideale Leserin deines Romans, aber am meisten Spaß haben mir gerade die sprachlichen Experimente bereitet. Hast du dir manchmal überlegt, ob das in einer anderen Sprache auch funktionieren würde? Vertraust du deinem Übersetzer?

J. Ł.: Ich habe keine Wahl, ich spreche kein Deutsch. Auszüge des Romans wurden bereits ins Englische übertragen, das kann ich noch irgendwie kontrollieren, wobei ich das gar nicht musste, denn der Text klang großartig. Im Deutschen habe ich diese Möglichkeit nicht, ich kann nicht hergehen und sagen: „Das schaue ich mir mal genauer an“. Ich bin ein Fan von Übersetzern, sie sind meiner Meinung nach gleichberechtigte Künstler. Das übersetzte Buch ist meines Erachtens keine Kopie, sondern wird zu einem neuen Werk. Die Grundlage ist der Originaltext, aber der Übersetzer ist sein Schöpfer. Mir gefällt, dass es weltweit mehr und mehr gemeinsame Preise für Schriftsteller und ihre Übersetzer gibt – so sollte es sein. Ich weiß, dass Andreas Volk ein hervorragender Übersetzer ist, schließlich wird er nicht ohne Grund von einer großartigen Schriftstellerin wie Ishbel Szatrawska gelobt. Ich hoffe, dass er beim Übersetzen dasselbe findet wie ich beim Schreiben.

N. P.: Ist „Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“ ein postmoderner Roman?

J. Ł.: Ein bisschen schon. Es ist schwer, die literarische Postmoderne zu definieren. Man kann sie unterschiedlich interpretieren. Für mich beginnt die Postmoderne im Grunde mit „Gargantua und Pantagruel“ im sechzehnten Jahrhundert. Die amerikanischen Postmodernisten haben mir gezeigt, was Literatur sein kann: nämlich Spiel mit Sprache und Form. Es stimmt, bisweilen bleibt es bei Spielereien und formaler Schönheit – und tut sich dahinter eine Leere auf. Ich sehe die Schattenseite eines rein postmodernen Ansatzes. Für mich ist diese Literatur jedoch eine große Inspiration. Sogar auf dem Umschlag der polnischen Ausgabe des Romans habe ich mich als Fan der Postmoderne geoutet. Deshalb taucht das Thema „Postmoderne“ auch in Interviews immer wieder auf.

N. P.: Ich habe viele Lesermeinungen zu deinem Buch gelesen. Ich will nur einen Kommentar zitieren und bin gespannt, was du dazu sagst: „Jul Łyskawa kann einem nur leidtun, was will er sich nach einem solchen Debüt überhaupt noch ausdenken, um auf ein höheres Level zu gelangen?“

J. Ł.: Eigentlich wollte ich als Nächstes einen Gedichtband herausbringen (lacht), um das System auszutricksen. Ja, von solchen Kommentaren habe ich gehört, natürlich muss ich mich mit meinen nächsten Büchern an meinem Debüt messen lassen. Aber würde ich glauben, dass ich nichts Besseres mehr zustande bringe, hätte das Schreiben sowieso keinen Sinn. Ich verstehe, dass meine Bücher verglichen werden, das ist normal, ich werde mich davon nicht beirren lassen und einfach weiterschreiben, so gut ich kann.

N. P.: „Die wahre Geschichte …“ hat in Polen wichtige Preise gewonnen, und dank dieses späten Debüts bist du sehr bekannt geworden. Spürst du keinen Druck?

J. Ł.: Ich weiß, dass es diesen Druck gibt, aber ich spüre ihn nicht.

N. P.: Umso besser. Danke für das Gespräch und alles Gute.

J. Ł.: Danke.

Übersetzung: Andreas Volk


[1]Jul Łyskawa bezieht sich auf eine Äußerung von Donald Trump vom April 2026, wonach er die persische Zivilisation zerstören werde.