Ich bin wie ein Kaninchen aus dem Hut gesprungen – ein Gespräch mit Izabela Tadra

Natalia Prüfer im Gespräch mit Izabela Tadra, Autorin des Romans „Hotel ZNP“, der von Andreas Volk ins Deutsche übersetzt und mit dem Literaturstipendium „Josepha“ ausgezeichnet wurde

Natalia Prüfer: Ich lebe in Deutschland und beobachte, was hier an polnischer Gegenwartsliteratur herausgegeben wird. Das ist keine besonders schwierige Aufgabe, da es weiterhin nicht allzu viele Titel gibt, die aus dem Polnischen übersetzt werden. Die wichtigsten Themen, die nach wie vor – zumindest nach Ansicht der deutschsprachigen Verlage – das Lesepublikum am meisten interessieren, sind der Zweite Weltkrieg, die „Wiedergewonnenen Gebiete“, der Holocaust sowie die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Dein Roman „Hotel ZNP“ berührt keines dieser Themen. Gibt es in deinem Buch andere, in der polnischen Kultur oder Mentalität verwurzelte Themen?

Izabela Tadra: Eine der Stärken dieses Romans besteht eben gerade darin, dass in ihm keine typisch polnischen Themen verhandelt werden. Die Inhalte des Romans sind absolut universell. Ich selbst lese gern internationale Literatur und bin der Meinung, dass sie sich nicht nur mit lokalen Geschichten befassen sollte, sondern vielmehr mit universellen Erzählungen. Das ist für mich der Kern schöngeistiger Literatur: Grenzen zu überschreiten, sich auf den Menschen und seine Emotionen zu konzentrieren. Letztere sind unabhängig vom Wohnort, unabhängig davon, auf welcher Seite der Oder wir uns befinden. Jahrhunderte sind ins Land gezogen, und wir brauchen immer noch dasselbe: Sicherheit, Menschen um uns herum, ein Dach über dem Kopf und Liebe. Wir alle haben mit denselben Problemen zu tun.

N. P.: Mit welchen Problemen hat die Protagonistin in „Hotel ZNP“ zu tun? Wovon handelt das Buch?

I. T.: Das hängt ganz davon ab, was der Leser oder die Leserin in ihm entdecken. Das Buch ist wie ein Spiegel, in dem wir uns betrachten. Für die einen ist es ein Buch über verschiedene Beziehungen, für die anderen geht es darin um ein Verhältnis, Gewalt, Einsamkeit, unerfüllte Wünsche und den Kampf um Unabhängigkeit. Für mich wiederum ist das Buch ein Dialog mit Literatur.

N. P.: Gut, dass du das sagst. So können wir gleich zum Thema „Form“ übergehen. Dieser Roman ist ein Dialog mit Literatur, geschrieben in Form eines Monologs.

I. T.: Eines polyphonen Monologs.

N. P.: Ja, die Hauptfigur Belcia erzählt ihre Geschichte in Form eines Monologs. Im Buch kommen keine Dialoge vor, es gibt verschiedene Protagonisten und deren Erzählungen, viele Retrospektionen, und alles wird durch Belcias langen Monolog zusammengehalten. Es ist eine originelle Form, wie kam sie zustande? Wusstest du von Anfang an, dass es ein Monolog werden würde?

I. T.: Ja, ich wusste, dass es ein Monolog werden würde – eine Erzählung, der man gebannt zuhört, eine Geschichte wie die von Scheherazade. Die Hauptfigur sollte die gesamte Erzählung tragen, und der Adressat, an den sie gerichtet ist, abwesend sein. In der ersten Fassung des Romans gab es noch Dialoge.

N. P.: Und wieso sind sie verschwunden?

I. T.: Es gab einen Moment, in dem mir klar wurde – wahrscheinlich bei der Lektüre eines anderen Buches –, wie unnatürlich es ist, in der Ich-Form jemandem seine Geschichte zu erzählen und sie mit Dialogen auszuschmücken. Während des Erzählens fügen wir unsere Emotionen hinzu, einen Filter, manchmal stellen wir etwas harmloser dar, als es ist, oder wir übertreiben, wir sind selbst dann Herr über die Erzählung, wenn wir bloß schildern, was jemand gesagt hat. Deswegen habe ich die Konstruktion des Romans komplett umgeändert und mich auf den Monolog konzentriert, wobei ich natürlich die Polyphonie beibehalten habe. Ehrlich gesagt, bin ich persönlich bis heute der Meinung, in Ich-Erzählungen haben Dialoge nichts zu suchen. Ich halte es nicht für einen formalen Fehler, nicht dass ich die Schriftsteller, die so etwas tun, verachten würde, ich habe mich einfach dagegen entschieden.

N. P.: In Polen gab es eine Theateradaption deines Buches. Dort wurde aus dem Monolog wieder ein Dialog. Hast du daran mitgewirkt, den Text auf Rollen zu verteilen?

I. T.: Es war ein Leichtes, die Stimmen der anderen Personen im Roman herauszulösen. Die einzelnen Äußerungen sind gut verständlich und recht deutlich umrissen. Ich habe schon beim Schreiben des Romans von einer Theateradaption geträumt. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so schnell gehen würde und ganz ohne mein Zutun. Schließlich ist „Hotel ZNP“ mein Debüt, ich bin wie ein Kaninchen aus dem Hut gesprungen, ich hatte zuvor nirgends einen Text veröffentlicht. Beim Schreiben habe ich „Hotel ZNP“ laut gelesen, um zu überprüfen, wie der Text klingt, welches Metrum er hat, ob er verständlich ist, melodisch. Und dann geschah etwas Ungewöhnliches. Im April 2024 erschien das Buch in Polen, und im Juni erfuhr ich, dass die Rechte für eine Theateradaption bereits verkauft waren. Vom Regisseur, Kuba Kowalski, habe ich erfahren, dass dies purer Zufall war. Er kaufte das Buch in einer Buchhandlung, las es und fragte die Dramaturgin Małgosia Maciejewska, ob dieser Text sich ihrer Meinung nach fürs Theater eigne. Was sie bejahte, woraufhin beide beim Teatr Nowy in Łódź vorstellig wurden, und im Oktober dort die Premiere stattfand.

N. P.: Das ging schnell! Und in der Zwischenzeit hast du auch noch das Literaturstipendium „Josepha“ erhalten, das mit einem Aufenthalt in Ahrenshoop an der Ostsee und der deutschen Übersetzung deines Buches (die Andreas Volk besorgte) verbunden ist. So haben wir uns kennengelernt. Wir sind zusammen nach Ahrenshoop gefahren. Du hast erzählt, dass du lange an diesem Buch geschrieben hast. Warum?

I. T.: Das war für mich keine einfache Sache. Ich hatte früher schon versucht, ein Buch zu schreiben, sogar die Rechte bereits verkauft, aber dann wieder einen Rückzieher gemacht, weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war und wusste, ich würde es später bereuen. Während ich an „Hotel ZNP“ arbeitete, sagte ich mir immer wieder, dass man nur einmal im Leben debütiert, und beschloss, so lange an diesem Text zu arbeiten, bis ich damit hundertprozentig zufrieden sein würde, bis aufs letzte Komma alles so war, wie es sein sollte. Und das brauchte seine Zeit. Es dauerte drei Jahre. Erst als ich mit dem Schreiben fertig war, setzte ich mich mit zwei Verlagen in Verbindung, und ein paar Wochen später hatte der Roman einen Verlag.

N. P.: Und ein paar Monate nach Erscheinen des Buches erfährst du, dass du für das Literaturstipendium Josepha nominiert wurdest und dein Debüt möglicherweise auch auf Deutsch erscheinen wird. Was hast du dabei empfunden? Stolz? Zufriedenheit? Oder bist du gar erschrocken?

I. T.: Das Literaturstipendium „Josepha“ war damals eine völlig neue Initiative – doch das spielte für mich überhaupt keine Rolle. Als ich von der Nominierung erfuhr, war ich total begeistert. Das hielt vielleicht fünfzehn Minuten an. Dann las ich die Namen der anderen Nominierten und kam zu dem Schluss, dass ich nicht die geringste Chance hatte, das Stipendium zu erhalten. Und ich begann, mein Leid zu beklagen, den Nichterhalt dieses Preises zu betrauern – das dauerte etwa einen Monat. Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, aber in „Hotel ZNP“ gibt es eine Stelle, in der es heißt, dass unsere Familie kein Glück hat. Das ist eins von zwei echten Zitaten aus meinem Leben. Meine Mutter wiederholt diesen Satz gern, inzwischen ist er zu einem Running Gag in unserer Familie geworden. Ich war mir wirklich sicher, dass ich diesen Preis nicht bekommen würde. Ich habe insgeheim darauf gehofft, dass der Gewinner vielleicht nicht nach Ahrenshoop fahren kann, und ich für ihn einspringe (lacht) und dann einen Monat lang Seehunde und Möwen beobachten könnte. Ja, es war wirklich so!

N. P.: Und dann hast du das Stipendium doch bekommen, ich habe dich sogar hingefahren, damit du die Robben und Möwen beobachten kannst. Du hattest einen Fuchs als Freund … Was ist dir von diesem einmonatigen Aufenthalt in Ahrenshoop in Erinnerung geblieben?

I. T.: Ich bin bis heute stolz und glücklich darüber. Es war eine unglaubliche Auszeichnung, und ich freue mich, dass ich sie als Erste erhalten habe. Ich arbeite sehr langsam, aber in Ahrenshoop habe ich eine Erzählung geschrieben, die bereits veröffentlicht wurde, sowie die ersten Entwürfe für zwei weitere Bücher. Ich weiß nicht, wann ich sie schreiben werde. In meinem Erwachsenenleben hatte ich bisher keine Gelegenheit, mich einen Monat lang ausschließlich der Arbeit an einem Text zu widmen, das war eine wunderbare Erfahrung.

fot. Dominik Redmer

N. P.: Wie war die Zusammenarbeit mit Andreas Volk, der ein erfahrener Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche ist? Hat er sich mit Fragen an dich gewandt? Hatte er sprachliche Probleme mit Belcias Monolog? Es ist schließlich ein Buch, das sehr stark in der polnischen Sprache wurzelt.

I. T.: Wir haben uns persönlich im Zug kennengelernt, auf dem Weg zu einer Lesung in Berlin. Es stellte sich sofort heraus, dass wir einen ähnlichen Sinn für Humor haben, wir machten Witze über die von Polen geforderten Kriegsreparationen und darüber, dass es mit der polnischen Außenpolitik vorbei wäre, würde sich Deutschland irgendwann wider Erwarten entschließen, diese Reparationen tatsächlich zu zahlen (lacht). Da wusste ich, dass die Zusammenarbeit mit ihm fantastisch sein würde, und so war es dann auch. Wir sind einmal den ganzen Text durchgegangen, haben uns getroffen, um verschiedene sprachliche Aspekte, Idiome, einzelne Wörter und Sprachspiele zu besprechen, aber obwohl ich im Deutschen nicht so firm bin, habe ich den Eindruck, dass der Text auf Deutsch großartig klingt. Andreas hat ein gutes Gespür für den Text, ich glaube, er hatte großen Spaß beim Übersetzen.

N. P.: Ich hoffe, er hat genauso viel Spaß daran, unser Gespräch zu übersetzen (lacht).

I. T.: Das weiß ich nicht, wir werden sehen.

N. P.: Und woran arbeitest du momentan?

I. T.: Im Mai 2026 wird ein Langgedicht von mir erscheinen. Es basiert auf dem gleichen Konzept wie „Hotel ZNP“, seine Protagonistin ist ebenfalls Belcia.

N. P.: Ist es dieselbe Belcia?

I. T.: Nein, es kann nicht dieselbe sein, denn ich bin heute eine andere Schriftstellerin als noch vor einigen Jahren. Ich habe andere Erwartungen an diese Figur. Meine Sicht auf die Welt hat sich verändert, Belcia hat eine andere gesellschaftliche Rolle, ihr Aussehen ist ein anderes. Sie ist so etwas wie mein „Everyman“ – und wesentlich wichtiger als Kriegsreparationen oder polnische Außenbeziehungen, die alles auf den Zweiten Weltkrieg reduzieren. Natürlich wird das nicht dieselbe Geschichte sein.

N. P.: Aber lass uns über Belcia sprechen, die von vor einigen Jahren, die Protagonistin von „Hotel ZNP“. Wobei ich gleich vorausschicken muss, dass ich Belcia nicht mag.

I. T.: Zu Recht. Im ganzen Buch gibt es keine Figur, die man mögen könnte.

N. P.: Belcia ist eine Frau, die einem geheimnisvollen männlichen „Sie“ ihre Beziehungsgeschichten erzählt. Sie ist eine Figur, die von der Außenwelt geformt wird – von ihrem Ehemann, ihrer Mutter, der Geliebten ihres Mannes –, sie weiß nicht, was sie will, und es fehlt ihr an jeglichem Durchsetzungsvermögen. Sie erfüllt lediglich die Erwartungen der anderen Protagonisten sowie ihrer männlichen Umgebung, sie ist irgendwie kraftlos, irritierend, und hat keine eigene Meinung. Ist das eine Metapher für die heutige polnische Frau? Deren Passivität?

I. T.: Nein, ganz und gar nicht. Das ist ganz bewusst irreführend. Belcia wird nicht von den anderen geformt oder gelenkt, es ist einzig und allein ihre Erzählung. Belcia ist sowohl Opfer als auch Täterin. Sie ist sowohl willenlos als auch Herrin über ihr eigenes Schicksal. Es ist ihre Erzählung, die sie vor dem Leser ausbreitet. Erzählen wir jemandem etwas, so haben wir die vollständige Kontrolle darüber, was mitgeteilt und wie es mitgeteilt wird. Die Wahrheit spielt bei einer solchen Erzählung eine marginale Rolle. Wir haben es mit einer Täuschung zu tun. Glauben wir Belcia? Bemerken wir die Nuancen in ihrer Sprechweise?

N. P.: Ist „Hotel ZNP“ also ein Roman über Manipulation?

I. T.: Ja. Meine Überlegungen zum Thema Wahrheit und Post-Wahrheit haben in dem Text ihren Niederschlag gefunden.

N. P.: Was bedeutet für dich Post-Wahrheit?

I. T.: Es ist die Wahrheit, die wir uns nach Belieben für den eigenen Gebrauch zurechtlegen. Allem Anschein zum Trotz haben wir heutzutage nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Informationen, mit denen wir von allen Seiten überflutet werden, zu überprüfen.

N. P.: Ist alles eine Frage der Interpretation?

I. T.: Ja, leider habe ich den Eindruck, dass die Fakten gegenüber den Emotionen den Kürzeren ziehen. In der Literatur, im Kino und in der Malerei ist das wunderbar, Gleiches sollte aber für andere Lebensbereich nicht gelten. Ich habe den Eindruck, dass wir auch in der Kunst bereits zu sehr mit Autothematischem, persönlichen Familiengeschichten und den Emotionen der Künstler, bombardiert werden. Die Künstler konzentrieren sich zu sehr auf sich selbst und zu wenig auf das, was universell ist.

N. P.: Ich werde also jetzt in Verbindung mit Belcia über die Bedeutung des Postfaktischen nachdenken. Aber warum habe ich sie vorher so und nicht anders interpretiert …

I. T.: Jeder von uns liest diesen Roman und damit Belcia anders, fokussiert sich auf ein bestimmtes Defizit. Jeder sieht das entscheidende Manko bei der Protagonistin anderswo. Die einen konzentrieren sich auf ihre toxische Beziehung zur Mutter, andere auf das Verhältnis zu ihrem Mann oder die Beziehung zwischen Belcia und der Nanny. Deine Interpretation ist gut, aber nicht die einzig mögliche. Belcia ist eine Marionettenspielerin, sie lenkt die Erzählung gekonnt, trägt sie vor, steht in deren Mittelpunkt.

N. P.: Es gibt jedoch einen Aspekt in deinem Buch, der mir sehr polnisch vorkommt – das Motiv der Mutter Polin – eine hart arbeitende Frau, die sich für das Wohl der eigenen Familie aufopfert, die selbstständig ist, aber häufig unbewusst dafür sorgt, dass ihre Kinder psychisch von ihr abhängig bleiben. Der Archetyp der Mutter Polin wird von Generation zu Generation weitergegeben, von der Mutter an die Tochter. Zuerst tun wir alles, um ja nicht wie unsere eigene Mutter zu werden, um dann dieselben Sprüche, Erziehungsfehler, Ängste und Klagen zu wiederholen – wir laden uns einfach zu viel auf. Ich musste schmunzeln, als ich den Monolog von Belcias Mutter las, gleichzeitig war es mir peinlich, wie tief eine derart toxische Mutter sich in das Innere einer Frau eingraben kann.

I. T.: Vielleicht sage ich erst einmal, was diese Figur im Text überhaupt zu suchen hat. In Polen wurde das Buch als polnische Antwort auf Thomas Bernhard beworben, was für mich problematisch ist, da ich nicht zu den Leserinnen dieses Autors gehöre und mich nicht an ihm orientiere. Diese Mutter, das bin ich, oder besser gesagt, bin nicht ich. Im echten Leben bin ich Mutter einer Teenagerin, und die Mutter in „Hotel ZNP“ ist so etwas wie eine Warnung für mich, es sollte mich daran erinnern, wohin ein solches Bemuttern führen kann.

N. P.: Du meinst absolute Kontrolle, dauerndes Nörgeln …

I. T.: … Krittelei, die Welt erklären, übertriebene Erwartungen, sich selbst an die erste Stelle setzen, aber gleichzeitig so tun, als würde man sich aufopfern. Ich weiß nicht, hältst du das für typisch polnisch?

N. P.: Ich denke schon. Ich beobachte in Berlin polnische Mütter und vergleiche sie mit denen aus anderen Ländern und komme immer wieder zu dem Schluss, dass das noch sehr in uns Polinnen drin steckt.

I. T.: Meine Beziehung zu meiner Mutter ist eine andere, sie ist allerdings das Ergebnis eines Prozesses. Wir haben hart daran gearbeitet, aber mittlerweile ist es eine gute, reife und bewusste Beziehung. Manchmal werde ich gefragt, ob ich Belcia bin, ich antworte dann, ja, aber ich bin auch die Mutter, die Nanny sowie andere Figuren.

N. P.: Belcia ist im Polnischen die Kurzform von Izabela. Da liegt es nahe, zu fragen, ob du das bist.

I. T.: Ja, aber in der polnischen Literatur gibt es auch eine andere wichtige Figur mit diesem Namen – Izabela Łęcka in Bolesław Prus’ Roman „Lalka“ [Die Puppe][1]. Ich denke, dass die Figur der Belcia für die Leser in Polen und Deutschland schon bald verständlicher sein wird.

N. P.: Aber was hat Belcia mit Izabela Tadra gemein?

I. T.: Ich hoffe, nicht allzu viel. Ich identifiziere mich nicht mit dieser Figur. Mein Plan war es, Fiktion zu schreiben, nicht Autofiktion. Was auch geklappt hat. Ich wollte mich auf das Erzählen einer Geschichte konzentrieren, nicht auf einen selbsttherapeutischen Text. Ich brauche keine Literatur zur Selbsttherapie, ich schreibe nicht für die Schublade. Mir war klar, dass die Frage kommen würde, ob ich Belcia sei – sie wird mir ständig gestellt. Ich bin nicht Belcia, aber im Buch spiegeln sich natürlich meine Empfindsamkeit, meine Ängste und Befürchtungen, meine Sicht auf die Welt, die Bücher, die ich gelesen habe, die Filme, die ich gesehen habe, und meine Sehnsüchte wider. Das gilt jedoch für jede der Figuren. Das geheimnisvolle männliche „Sie“, der Adressat von Belcias Erzählung, ist so etwas wie mein imaginierter Wunschleser, für den man bereit ist, alles zu tun. Es steckt viel von mir in „Hotel ZNP“, aber nicht in Belcia, sondern im ganzen Buch.  

N. P.: Das Hotel ZNP gibt es wirklich in Warschau, warst du mal dort, nachdem du das Buch geschrieben hast?

I. T.: Nein, vor etwa zehn Jahren habe ich einmal dort übernachtet. Seit dem Erscheinen des Buches sagen mir viele Leute, dass sie dort übernachten wollen. Du wirst es nicht glauben, aber egal, wo ich in Warschau arbeite, ich komme immer an diesem Hotel vorbei, und diese Stadt ist gar nicht so klein.

N. P.: Vielleicht ist dieses Gebäude deine Bestimmung?

I. T.: Vielleicht. Ich bekomme Fotos vom Hotel geschickt. Die Leute sehen es und assoziieren es mit mir. Vielleicht mache ich mir ein Geschenk und buche zu meinem Geburtstag dort eine Übernachtung.

N. P.: In einem Interview hast du gesagt, dass es ein Buch darüber sei, was Liebe zu sein scheint. Gibt es in „Hotel ZNP“ keine echte Liebe?

I. T.: Auch das ist wieder eine Interpretationsfrage. Für die einen gründet echte Liebe auf Sehnsucht und bleibt zwangsläufig unerfüllt oder auf einer heimlichen Affäre, für andere wiederum bedeutet sie eine fünfzigjährige Beziehung bis ans Grab. Jeder von uns interpretiert echte Liebe anders. Ich frage mich zum Beispiel, was es heißt, Glück in der Liebe zu haben. Eine einzige, starke Langzeitbeziehung aufzubauen und alle ihre Phasen zu durchleben? Oder hat man vielleicht dann Glück in der Liebe gehabt, wenn man viele Male liebt und viele Male geliebt wird? Ich lese in einer Zeitschrift die Überschrift: „Sie hatte kein Glück in der Liebe, stand sieben Mal vor dem Traualtar“. Vielleicht war es ja gerade ein Glück für sie? Sieben Mal?! Sieben Mal war sie in jemanden derart verliebt, dass sie dieser Person ihr Jawort geben konnte! Jeder wird echte Liebe anders definieren.

N. P.: Ich wünsche dir endlos Liebe. Wie auch immer du sie definierst. Und viel Glück. Danke für das Gespräch.

Izabela Tadra – stammt aus Jednorożec. Lebt seit zwanzig Jahren in Warschau und ist mit der Stadt eng verwachsen. Studentin der Leon-Schiller-Hochschule für Film, Fernsehen und Theater in Łódź. Vormals Pressejournalistin. Sie publizierte unter anderem in „Fantasy“, „Super Express“, „Puls Biznesu“ und „Bluszcz“. Seit mehreren Jahren arbeitet sie in der PR-Branche, wo sie sich vor allem mit Unternehmenskommunikation befasst.

Sie hat Respekt vor allen Künsten und betätigt sich künstlerisch in den verschiedensten Richtungen. Sie schafft Stop-Motion-Filme und Rastergrafiken, schreibt Gedichte und Filmdrehbücher. Sie setzt schöngeistige Literatur mit Fiktion gleich und ihre Hoffnung auf dieselbe. Sie publiziert in ihrem eigenen Tempo. Im Frühjahr 2024 erschien beim Verlag Filtry ihr Romandebüt Hotel ZNP. Sie wurde für den renommierten Conrad-Preis nominiert und ist die erste Preisträgerin des Literaturstipendiums „Josepha“ für polnische Schriftsteller.

Das Gespräch fand am 13. Februar 2026 statt. Übersetzung ins Deutsche: Andreas Volk


[1] Der Roman erschien 2025 in einer Neuübersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein auf Deutsch, darüber hinaus sind in Polen eine neue Kinoverfilmung und eine Fernsehserie in Vorbereitung.